Eiweißversorgung

Ist tierisches oder pflanzliches Eiweiß besser?

Geschrieben von Patric Heizmann
Aktualisiert am

Ganz oft werde ich gefragt, ob tierisches oder pflanzliches Eiweiß besser ist. Lass uns mal die Evolution anschauen. Dann kannst du dir selbst eine Meinung dazu bilden.

Inhaltsverzeichnis

Wie sieht es mit der Tierethik aus?

Gleich vorneweg: Bei einem solchen Thema ist es ganz schwierig, die Tierethik komplett auszublenden. Wer einmal erkannt hat, was heutzutage mit den Tieren angestellt wird, wird auf die Frage, welches Eiweiß besser ist, schnell in eine Richtung tendieren.

Ja klar, Fleisch und Fisch sind lecker. Aber müssen sie denn wirklich so brutal produziert werden?

Für diesen Beitrag bitte ich dich einmal die Tierethik auszublenden. Ich möchte hier an das Thema mit evolutiver Logik und sachlicher Biochemie rangehen. Einverstanden? Super!

Unterscheidet der Körper zwischen Eiweißquellen?

Im Prinzip ist es unserem Organismus völlig egal, wie er an seine lebensnotwendigen Eiweiß-Bausteinchen, die sogenannten essenziellen Aminosäuren, rankommt. Hauptsache, er bekommt sie.

Ob das über eine Pflanze oder ein Tier importiert wird, ist ihm wurst. Oder es interessiert ihn die Bohne – je nach Herkunft.

Es geht mir auch nicht um den Unterschied der biologischen Wertigkeit von tierischem und pflanzlichem Eiweiß. Wenn du kein Profi-Bodybuilder bist, ist das auch ziemlich egal, weil ja kaum jemand ausschließlich eine Eiweißquelle futtert. In einer normalen Ernährung findet immer ein gewisser Ausgleich eines eventuell mangelhaften Produkt-bedingten Aminogramms statt.

Wie hat sich Ötzi mit Eiweiß versorgt?

Mach mal ein spannendes Gedankenexperiment: stell dir vor, du müsstest einen Monat lang wie die Steinzeitmenschen leben: draußen (in der Natur)

Nur zur Sicherheit, falls du jemand bist, der zu oft vor dem Computer sitzt: Draußen ist da, wo der Postbote herkommt.

Was denkst du: wie würdest du bevorzugt versuchen, deinen Eiweißbedarf zu decken?

Den Nährstoff, von dem so viel abhängt? Der so wichtig für deine Muskeln und dein Immunsystem ist, den Grundbaustein deines stärksten Antioxidans? Den Leber-Entgifter?

Nur über Pflanzen? Notgedrungen ja – aber bevorzugt? Wie viele Nüsse, Hülsenfrüchte oder wie viel Getreide müsstest du wohl futtern, um an genug Eiweiß heranzukommen?

Erkenne zunächst einmal folgendes: Das Aufwand-zum-Ertrag-Verhältnis wäre hoch, sehr hoch.

Evolutionsbiologen sprechen deshalb auch von pflanzlicher Notfallnahrung. Weil Ötzi eben nicht immer Jagdglück hatte. Es ist wissenschaftlich gut abgesichert, dass tierisches Eiweiß für den menschlichen Organismus leichter zugänglich ist. Zumindest nachdem man sich im Kampf mit dem Tier irgendwie auseinandersetzen musste.

Zumindest hatte das Tier früher noch eine Chance, um im Ernstfall wegzulaufen. Oder das Tier hat sich umgedreht und hat den Menschen in die Flucht geschlagen. Das Tier hatte auf alle Fälle gute Chance abzuhauen oder den Feind kaputt zu beißen.

Naja, früher zumindest. Heute ist es doch ziemlich unfair. Oh, jetzt bin ich schon wieder bei der Tierethik …

Ist pflanzliches Eiweiß unbedenklich?

Pflanzen dagegen laufen nicht weg. Die beißen auch nicht. Nee, die stehen einfach nur blöd rum.

Und jetzt ganz heftig aufpassen: Wenn sich eiweißreiche Pflanzen, wie zum Beispiel Hülsenfrüchte und Sojabohnen nicht hätten verteidigen können, dann wären sie ausgestorben. Weggefressen von Menschen, Tieren und vor allem von Insekten.

Eiweißreiche Pflanzen stehen auf der Futter-Hitliste ganz oben, weil der Stoff zum Überleben gebraucht wird. Das ist für die ein echtes Problem. Jetzt können sich Pflanzen ja nicht wehren. Oder doch?

Ja und wie sie das können! Eiweißreiche Pflanzen haben im Laufe der Evolution sehr wirkungsvolle Biowaffen entwickelt. Die sogenannten Antinutritiva, oder auch Antinährstoffe.

Die machen unbehandelt richtig große Probleme:

Hülsenfrüchte kannst du nicht roh essen. Die machen dich sonst kaputt. Du musst sie lange kochen, bevor die darin enthaltenen Lektine durch die Hitze zerstört werden. Erst dann ist das Zeug sehr gut bekömmlich. Gut, dass du Hülsenfrüchte heute fertig gekocht aus der Dose pflücken kannst.

Die Sojabohne ist mal so richtig angriffslustig. Weil sie als Pflanze, neben viel Eiweiß, auch verhältnismäßig viel Fett, also Energie, Kalorien besitzt. Das muss sie gut bewachen. Bestimmte Abwehrstoffe machen das Sojaböhnchen zum Darm-Killer. Wenn die nicht entsprechend vorbehandelt wird, zum Beispiel mittels Fermentierung, dann attackiert sie deinen Verdauungsschlauch mit sogenannten Saponinen. Die machen die Darmwand durchlässiger. Und wenn die wichtigste Barriere, die wichtigste Grenze von der Außenwelt in die Innenwelt, löchrig wird, dann hast du mal ganz schnell systemische, gesundheitliche Probleme. Das willst du nicht!

Interessant ist aber, dass das Zeug in geringen Mengen auch gesund ist: als sekundärer Pflanzenstoff. Die Menge machts, wie immer.

In der Sojabohne steckt auch ein Eiweiß-Inhibitor. Das vermindert die Eiweiß-Verdaulichkeit. Und Eiweiß ist die Grundlage für Wachstum.

Kann ich meinen Eiweißbedarf alleine durch Pflanzen decken?

Um an genügend pflanzliches Eiweiß heranzukommen braucht es eben eine Menge Pflanzen. Oder eben gut bearbeitete Hülsenfrüchte – meine bevorzugte pflanzliche Eiweiß-Wahl.

Manchmal höre ich, dass auch im Gemüse Eiweiß steckt. In Brokkoli zum Beispiel. Ja, ungefähr 3 Gramm pro 100 Gramm. Wenn man mal von 1,5 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht ausgeht, muss sich eine 70 Kilogramm schwere Person täglich mit ungefähr 3,5 Kilogramm Brokkoli abfüllen.

Keine Frage: du kommst an gut verdauliches, gesundes, pflanzliches Eiweiß ran. Aber das muss eben sehr gut bearbeitet sein. Hitze hat da der Evolution unheimlich geholfen. Die macht viele problematische Abwehrstoffe kaputt. Und dann kann pflanzliches Eiweiß auch ganz gut sein. Ohne, dass Tiere sterben müssen.

Ah, jetzt bin schon wieder bei der Ethik …

Wenn es immer wieder heißt, dass pflanzlich besser als tierisch sein soll: Nein, das stimmt so eben nicht. Natürlich haben Pflanzen große Mengen richtig guter Inhaltsstoffe, die dir guttun. Aber Tiere auch. Und dann auch noch in einer deutlich besseren Bioverfügbarkeit.

Weil das Tier sein Eiweiß eben nicht mittels Abwehrstoffe beschützen muss, sondern auf die Gefahr anders reagiert.

Es hatte im Lauf der Evolution zumindest eine Chance – gut, heute nicht mehr wirklich.

Was ist das Problem mit tierischem Eiweiß?

Jetzt kommt das eigentliche Problem mit tierischem Eiweiß. Wer sich regelmäßig mit dem billigsten Fleisch abfüllt, der sorgt unter anderem für ein massives Omega 6-Angebot, weil in der Massentierhaltung Sojaschrot, Erbsen, Getreide verfüttert werden, was dann zu stillen Entzündungen führt und genau die machen dann gesundheitlich kaputt!

Nicht aber das Fleisch an sich.

Ich hoffe, du bist klug genug und differenzierst hier, wenn es um die Frage geht, welches Eiweiß besser oder ob Fleisch gefährlich ist.

Ohne Fleisch, Fisch und andere tierische Eiweißquellen wäre der Mensch evolutionär nicht so weit nach oben geklettert.

Und ich fühle mich an der Spitze der Nahrungskette ganz wohl.

Tierische Produkte liefern auch noch ganz andere Stoffe, die Pflanzen eben nicht liefern: Kreatin, Carnosin, Carnitin, Taurin, sehr gut bioverfügbares Eisen, viel Zink. Pflanzen liefern dafür andere Stoffe, die tierische Produkte nicht liefern: Ballaststoffe zum Beispiel. Die ernähren dein Mikrobiom, deine Darmbakterien.

Und wenn der Darm gesund ist, freut sich der Mensch. 

Täglich Pflanzennahrung auf den Teller zu bringen, keine Frage, das ist gesund und sollte unbedingt sein! Aber das Eiweiß aus den Pflanzen ist eben im Vergleich zu tierischem Eiweiß nicht völlig unbedenklich, oder gesünder, nur weil es eben von Pflanzen kommt.

Um noch einen Schlusspunkt zugunsten von tierischem Eiweiß zu setzen: Aktuelle Forschungen mit tierischem Eiweiß zeigen klar: Diese langen Eiweißketten werden im Darm zu kurzen Ketten gespalten. Diese Ketten sind bioaktiv, senken den Blutdruck, wirken gegen Thrombose, zeigen Wirkung gegen Diabetes und so weiter.

Und Whey-Protein, Molkeneiweiß und Milchprodukte enthalten unter anderem Wachstumsfaktoren, die das Immunsystem stimulieren und den Darm schützen. Dazu muss man allerdings auch mit Milchprodukten gut klarkommen.

Fazit

Sich sinnlos mit tierischem Eiweiß vollzustopfen, ist Quatsch. Aber zu denken, pflanzliche Eiweißquellen wären völlig unbedenklich, genauso.

Wie immer im Leben macht es die Mischung.

Es ist eben nicht ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß, nur Fleisch oder nur Tofu. Es ist die Mischung. Das macht auch das Thema Ernährung so kompliziert. Oder eben nicht, weil man sich dann als vermeintlicher Ernährungsexperte eben nicht von anderen absetzen kann.

Bleib gesund, aber mach auch was dafür!

Dein Coach Patric

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